Tabuthema unerfüllter Kinderwunsch

In der Bahn gibt es Werbung für eine Behandlung im Kinderwunschzentrum. Es gibt Kinderwunschkongresse. Über Kinderwunsch wird viel geredet. Es scheint, als würden wir mit dem Thema ganz offen umgehen. Doch der Anschein trügt. Kinderwunsch ist nach wie vor ein großes Tabuthema.

 

Kürzlich traf ich eine liebe Freundin, die mir gesagt hat, wie toll sie das findet, was ich mache und wie wichtig es ist, dass über das Thema unerfüllter Kinderwunsch mehr gesprochen wird. Im gleichen Atemzug fügte sie entschuldigend hinzu, sie könnte meine Beiträge leider nicht kommentieren oder mit einem „like“ versehen, denn sie möchte nicht, dass dann Menschen denken, sie selbst hätte einen unerfüllten Kinderwunsch, was ja überhaupt nicht der Fall sei. Das würde ich doch bestimmt verstehen, oder? 

 

Es hat lange in mir gearbeitet und das tut es immer noch, denn ich frage mich, warum ungewollte Kinderlosigkeit immer noch so tabuisiert ist. Ohne Kinder zu leben ist inzwischen gar nicht so selten: In Deutschland ist nämlich jede fünfte Frau kinderlos - Tendenz steigend. Aktuellen wissenschaftlichen Studien zufolge sind hierzulande bis zu 1,4 Millionen Frauen und Männer zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos.

 

Menschen ohne Kinder - dazu zählen natürlich auch ungewollt Kinderlose - werden stigmatisiert. Laut einer 2017 veröffentlichten Studie der amerikanischen Psychologin Leslie Ashburn-Nardo, bewerteten Studienteilnehmer kinderlose Paare als weniger glücklich und zufrieden. Aber nicht nur das: Die Forscherin stellte fest, dass Elternsein von der Gesellschaft als ein moralisches Gebot betrachtet wird – also etwas, das unbedingt erwartet wird und zu erfüllen ist. Keine Kinder zu haben wird demnach nicht nur als ungewöhnlich, sondern als falsch betrachtet. Besonders überraschend für Ashburn-Nardo war die moralische Empörung der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer: „Es ist immer noch schockierend für mich, dass Menschen derart negative Gefühle gegenüber anderen Personen entwickeln, die sie nie getroffen haben.“

 

Ich finde diese Empörung um so verwunderlicher als dass es inzwischen auch mehrere Studien gibt, die aufzeigen, dass sich Kinder negativ auf die Partnerschaft auswirken können und dass viele Menschen nach der Geburt unglücklicher sind als sie es ohne Kinder waren (parent happiness gap). Leider ist es unwahrscheinlich, dass die Stigmatisierung von Kinderlosen verschwinden wird, meint Ashburn-Nardo. „Wir sollten an einer Veränderung arbeiten, aber wahrscheinlich wird es nicht leicht", sagt sie.

 

Ungeachtet aller Studien, die für oder gegen eine Elternschaft sprechen könnten: Tatsache ist, dass sich auch heute nur ein kleiner Teil kinderloser Frauen und Männer bewußt gegen Nachwuchs entscheidet. Beim weitaus größerem Rest sind entweder eine fehlende Partnerschaft oder die Unfruchtbarkeit ein Hindernis. Ungewollt Kinderlose sind sogar in einem doppelten Tabu gefangen: Sie fühlen sich von der Gesellschaft aufgrund ihrer Kinderlosigkeit bereits stigmatisiert und dann kommt noch hinzu, dass Betroffene über die Tatsache des „Eigentlich-Wollens“ selten offen sprechen, sondern aus Furcht vor weiterer Stigmatisierung lieber schweigen.

 

Jetzt verstehe ich allmählich, dass meine Freundin sich vermutlich vor der Stigmatisierung fürchtet und sich daher nicht traut, sich öffentlich zum Thema zu äußern. Doch wo soll das hinführen? Nur darüber reden trotzt der Stigmatisierung und kann die Veränderung herbeiführen, die sich Psychologin Ashburn-Nardo und die vielen Menschen, die kinderlos sind – egal ob durch eine eigene Entscheidung oder ungewollt – wünschen.

Also: let´s talk!

 

P.S. @ Liebe Freundin, auch wenn ich weiß, dass du auch diesmal meinen Beitrag nicht „liken“ wirst, obwohl du ihn wahrscheinlich gut findest, hoffe ich, dass du eines Tages den Mut findest und zu einer „Tabu-Brecherin“ wirst. Ich danke dir, dass du mich zum Nachdenken und zu diesem Artikel inspiriert hast!

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 0